
Hier ist der Platz für Rezensionen von "Maestro"
aus der Presse. Wenn ihr noch weitere habt, bitte schickt sie an infoATsave-me-kaizer.de.
Wir freuen uns über jeden Tipp!
Wodka und Wahnsinn, Tränen und Gewalt: Kaizers Orchestra tanzen auf dem Grab von Maestro Dieter Meyer.
Nach drei Minuten kommt das Motiv des Russland-Schlagers "Kalinka",
und man sieht das Orchestra schon wieder über Bühnen turnen –
und sich selbst im Publikum hüpfen, grinsen, mitsingen, obwohl man nur
vom Hörensagen weiß, worum es in diesen Liedern geht. "KGB"
heißt der Auftakt der dritten Platte der Derwische aus Norwegens Gletscherlandschaft,
und wir werden eingeführt in die fiktive Welt des fiktiven Helden: Maestro
Dieter Meyer, Leiter eines Institutes zur Behandlung von Kriegsfolgen. Meyer
lässt fleißig einliefern – zum Beispiel seine ehemalige Geliebte
und ihren neuen Mann –, aber auch jagen und ausräuchern. Man munkelt,
Meyer benutze sein Institut zum Diamantenschmuggel und verhökere seine
Patienten als Lobotomie-Versuchskaninchen. Aber wehe, man spricht so etwas
öffentlich aus! Der Maestro foltert (frag nach bei "Senior Flamingo"),
und oft bleibt eben nur die Flucht in die schützenden Hände des
KGB. Was für ein Szenario! Die sechs Herren vom Kaizers Orchestra haben
sich nach dem düster-verworrenen Zweipersonenhaushalt von "Evig
Pint" wieder eine große Geschichte ausgedacht. Tiefer denn je fühlen
sich die Musiker den slawischen Traditionen verbunden: tränenrührendes
Moll ("Christiania", ein Klagelied), stampfendes Dur ("Maestro"
oder "Delikatessen", Nachschub für Kaminers Russendisko). Die
zentrale und unschlagbare Hymne "Dieter Meyer Institutsjon" ist
zum Fäusterecken, bevor die Tonnentrommelei losgeht, die live für
so viel Freude sorgt. Der Punk’n’Roll von "Blitzregn Baby"
öffnet die Garagentore, und da stehen Kaizers Orchestra: Tränen
und Temperamente für Maestro Dieter Meyer, den größten Schurken
unter dem Firmament. 9/12 Punkten. André Boße
Majorlabel sind vielleicht nicht sonderlich beliebt, aber
sie haben gelegentlich doch auch ihr Gutes. Der Beweis: das hier vorliegende
neue Album des norwegischen Kaizers Orchestra. "Maestro" bewahrt
trotz aufwändiger Produktion und neu hinzugekommenem Pop-Appeal den ungestümen,
ja oft anarchistischen Vorwärtsdrang der Band. Der Hörbarkeit der
Scheibe kommt dies nur zugute, denn das große Spektakel aus Rock und
Ölfass-Polka taugte eigentlich schon immer eher für die Bühne
als fürs Wohnzimmer.
Doch keine Sorge. Nur weil "Maestro" auch mal langsamere Rhythmen
anschlägt, eingängige Melodien zu bieten hat und sogar teilweise
recht einfache Songstrukturen erkennen lässt, sind die wilden Norweger
noch lange nicht handzahm geworden. Nur verbinden sie neuerdings das Anspruchsvolle
mit dem Angenehmen, was übrigens auch jede Menge Abwechslung mit sich
bringt.
So eröffnen die Kaizers mit "KGB" eher rockig trocken mit Strophe und Refrain im 4/4-Takt, ehe der Titeltrack mit eher vertrackten Rhythmen das Tempo deutlich herausnimmt. "Knekker Deg Til Sist" blickt mit einem Augenzwinkern zurück in die alte Kaizerzeit, das flotte "Blitzregn Baby" dagegen huldigt eindeutig dem aktuellen Retrorock-Hype.
"Dieter Meyers Inst." entwickelt sich vom leisen Songwriterstil mit Gitarrenbegleitung in einer stetigen Steigerung zum wahren Songmonster; dabei erinnern der sinfonische Aufwand und die gelegentlichen Wechsel des Sängers in die Kopfstimmlage an Radiohead. Feierten nicht im hektischen Finale die Ölfässer ihre fröhliche Wiederkehr, könnte man fast meinen, die Norweger wollten zeigen, dass ihre stilistische Bandbreite alle derzeit angesagten Spielformen des Rock'n'Roll locker umfasst.
Die vorab ausgekoppelte Single "Christiania" ist gewiss einer der ruhigsten und eingängigsten Lieder, die das Orchestra je veröffentlicht hat, "Delikatessen" nimmt als einziger Song den traditionellen 2/4-Polka-Rhythmus auf. Danach geht es kurz wieder etwas ruhiger zu, bevor der Abschlusstrack noch einmal in gut vier Minuten die Möglichkeiten des artifiziellen Rocks erforscht. Auch hier bricht nach ruhigen Intermezzi immer wieder das ungezügelte Temperament der Norweger hervor und macht deutlich: Das sind keine neuen Kaizer. Das sind nur neue Kleider. Joachim Gauger
Dass Wahnsinn nicht nur Methode, sondern auch oft richtig gute Momente hat, steht ja außer Frage: Einer davon ist sicher das Werk des Kaizers Orchestra. Mit "Maestro" umfasst das mittlerweile stolze drei Alben. Nicht viel – aber auch gewiss nicht wenig, wenn man im Hurra-Stil mal ganz nebenbei Rock und Pop in seinen Grundfesten erschüttert. Denn wer meint, sich 2005 in einer Echokammer zu befinden, weil ihm die Hits, die Stile, die Outfits so überaus bekannt vorkommen, dann ist er hier genau an der richtigen Adresse. Denn hier gibt es noch klaffende Differenz zum Mainstream und zum coolen Rock-Mittelmaß. Und zwar ohne auf Unhörbarkeit, Klassik oder Avantgarde auszuweichen.
Die markantesten Unterschiede sind sicher der Rhythmus (3/4 statt 4/4), das Volksmusikhafte ("Ompa Til Du Dør" hieß gleich die erste Platte, wobei Ompa ein traditioneller norwegischer Tanz ist) und natürlich die Sprache (nicht Englisch, auch nicht Französisch oder Deutsch, nein, der gute alte runde Pop-Sprech des Norwegischen kommt zum Einsatz). Besonders Letzteres unterstreicht für alle Nicht-Norweger natürlich das Exotische des Acts, macht aber auch einen nicht unwesentlichen Teil seines Reizes aus. Denn die ersten beiden Alben hinterließen deutliche Spuren auch in der hiesigen Szene, diverse Konzerte trugen zum guten Ruf der Derwische (gern mal mit Gasmasken auf der Bühne) bei. Wie das kommt trotz des offensichtlichen Vorbeigehens an eingeschliffenen Hörgewohnheiten? Nun, wenn man den Opener auf "Maestro" hört, kann man es schon erahnen: Es gibt mehr Wege zur Verzückung, als uns der Charts-Kanon glauben machen will.
Vergleichbar ist Ompa sicher (und nicht nur lautmalerisch) mit Humppa. Dieser finnischen Polka, die seinerzeit bzw. bis heute auch hier in Form von Bands wie Eläkeläiset (bezeichnenderweise heißt eine Veröffentlichung "Humppa Til We Die") viele Freunde fand und findet. Aber wo Humppa letztlich nur auf Spaß und Bierzelt verweist, gehen Kaizers Orchestra viel weiter: Ihr Ompa ist eben auch Rock und Indie und nicht nur mitreißend, sondern auch verstörend. Eine irre Band mit ebensolchem Album. Und wer noch mehr wissen will: Im Monitor-Bereich dieser Ausgabe findet sich auch noch ein kleines Interview. Martina Hergenröther
Dieter Meyer - Meisterhirn. Auf "Maestro", dem dritten Album der norwegischen Tonnentrommler Kaizers Orchestra, geht es um eine Irrenanstalt, in der ein Nachkriegs-Caligari das Sagen hat und seltsame Dinge passieren. Wer die Kaizers Orchestra immer noch für eine Kreuzung aus Tom Waits und dem Musical "Stomp!" hält, liegt mittlerweile so falsch wie nie, denn "Maestro" hat nicht mehr viel zu tun mit Speedpolka à la "Ompa Til Tu Dör". Statt Gerumpel gibt es gradlinigere, traditionsbewusste Rocksongs, die Retroplatitüden glücklicherweise geschickt umschiffen. Wenn auch musikalisch die Öltrommeln diesmal etwas außen vor bleiben, an Druck und Energie mangelt es "Maestro" nicht, im Gegenteil.
Textlich überwiegen die Kontinuitäten, schließlich mochten es die Norweger schon immer, skurril-atmosphärische Gesamtkonzepte abzuliefern, die zu durchschauen schwierig war. Dem ist auch auf "Maestro" so. Wer ist eigentlich Dieter Meyer? Und wer sind die anderen Personen, z.B. Senor Flamingo oder Maestro? Sie scheinen identisch. Oder nicht? Die Sinnsuche in "Dieter Meyers Institusjon" ist zwecklos, wir - die Hörer - sind in Wahrheit ihre Insassen, auf die KGB, Folter, Dieter und nicht zuletzt das Selbst lauern. Besser klangen Kaizers Orchestra nie. Christian Spieß
Der Artikel auf gaesteliste.de
Wir müssen sie nicht mehr vorstellen, diese sechs Norweger, die doch immer nur spielen wollten. Inzwischen haben selbst Bon-Jovi-Fans irgendwo mal von "dieser durchgeknallten Band mit den Ölfässern und der Gasmaske" gehört. Wer das Orchester einmal live gesehen hat, ist ihm auf Anhieb verfallen. Und wer dieses Glück nicht hatte, wird vielleicht nie verstehen, wie eine derart verstrahlte Musik derart viele Hörer finden konnte.
Kaizers Orchestra haben also eine solide Fanbasis in Deutschland. Dort war das Entsetzen groß, als rauskam, daß die Band ihr Drittlingswerk bei einem Major veröffentlichen würde. Schon sah sich die Band plötzlich mit "Selløut!"-Rufen konfrontiert und hatte noch nicht mal Zeit, ihr Quasi-Konzeptalbum zu erklären: "Maestro" soll kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in einem Irrenhaus spielen, dessen Leiter Dieter Meyer (nicht zu verwechseln mit dem Sänger von Yello) sein eigener bester Kunde sein könnte. Das hört man, sogar wenn man des Norwegischen immer noch nicht mächtig ist, denn die Musik ist wieder voll von düsteren Motiven und perkussivem Wahnsinn.
Und doch ist "Maestro" anders als seine Vorgänger: die Single gleichen Namens könnte man beinahe als überproduziert bezeichnen, und statt mit Pumporgel und Gypsy-Rhythmen sind die Songs immer öfter voll von tanzbaren Beats und Rock'n'Roll-Gitarren. Gingen die Vorgängeralben als "Beerdigungsmusik" durch, ist "Maestro" eine Platte für Hochzeiten. Für durchaus viele sogar: "Blitzregn baby" ist der beste White-Stripes-Song, der nicht von den White Stripes ist, "Delikatessen" eine Surfer-Hymne für skandinavische Tarantino-Filme, "Christiania" dafür eine richtig anrührende Ballade. Also jede Menge neue Kleider bei Kaizers? Jein. Kaizers Orchestra sind schon noch Kaizers Orchestra, sie haben sich nur weiterentwickelt. Während "Evig pint" noch die logische Steigerung von "Ompa til du dør" war, nimmt "Maestro" gleich mehrere Stufen auf einmal.
Mitunter klingt das Album richtig gutgelaunt. Selbst, wer mit der Band zuvor nichts anfangen konnte, dürfte am Pop-Appeal des einen oder anderen Songs gefallen finden. Sicherlich fehlt mitunter der morbide Charme, dafür kann man nun auf Kaizers-Orchestra-Songs tanzen, ohne dabei schwerfällige Polonaisen vollführen zu müssen. Es nützt nichts, stundenlang Vor- und Nachteile abzuwägen. Dies ist nun mal die neue Kaizers-Platte. Und wenn man mal alle Vorurteile über Bord wirft, stellt man fest, daß es vielleicht ihre beste sein könnte. Lukas Heinser
Der Artikel auf plattentests.de
Über den norwegischen Sechser sind Lorbeeren ausgeschüttet worden, dass es einen schwindelt. Zu Recht! Denn niemand sonst dreht so kompromisslos die Spielarten von Rock, Blues und Folk durch den Polkawolf. Dennoch ist der immense Erfolg der Kaizers erstaunlich, singen sie doch konsequent in ihrer Muttersprache. Daran hat sich auch bei Maestro nichts geändert. Ebenso wenig sind sie von ihren skurrilen Abenteuerausflügen mit außergewöhnlichen Percussiongerätschaften, furztrockenen Gitarren, eindrucksvollem Gesang, Pumporgan und Kontrabass abgerückt. Wem das alles auf CD zu verwirrend erscheint, sollte sich die Band auf Bühne anschauen. Das ist dann der echte Wahnsinn. [HJS]
Des Kaizers neue Platte
Grunge denken, Folk spielen, Walzer drehen, Ölfässer und Radkappen bearbeiten, Tom Waits lieben, auf dem Balkan tanzen, Anzug mit Gasmaske auf der Bühne tragen und Norwegisch singen: das Kaizers Orchestra
Die Gretchenfrage: Was ist eine Konzept-Band? Sagt unser Faust-Darsteller: Wir nicht! Aber schließlich haben wir es hier mit einem Mann zu tun, der seine Seele verkaufte. Also: "Na ja", meint Janove "The Jackal" Kaizer über das Kaizers Orchestra, "auch unser nächstes Album wird wieder ein durchgehendes Thema haben und ich denke, man könnte unsere Alben konzeptionell nennen. Wenn man unbedingt will."
Man will. Schließlich besteht "Maestro", das neueste Album des Kaizers Orchestra, aus einem Songzyklus, der die Geschichte einer nicht exakt bezeichneten, aber offensichtlich psychotherapeutischen Einrichtung erzählt, in der Kriegsveteranen einsitzen, die sich in einen zunehmend eskalierenden Kleinkrieg mit dem Leiter Dieter Meyer verstricken. Nicht das erste Album-Konzept der Band aus dem norwegischen Bergen: Das Debüt berichtete von einem Krieg zwischen zwei Mafia-Banden, das zweite, "Evig Pint", von einer lebenslangen Feindschaft zwischen zwei Menschen.
Doch all das will auf den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen. Ist das Kaizers Orchestra doch vor allem durch seine wahnwitzigen, aufregenden, ausufernden, komischen Auftritte bekannt geworden. Das war auch Absicht: "Unser Ziel ist es vor allem", sagt Janove, der unter seinem bürgerlichen Namen Ottesen unlängst auch eine eher biedere Singer/Songwriter-Soloplatte veröffentlichte, "die beste Live-Band des Planeten zu werden."Auf dem Weg zu diesem Ziel, das darf man ruhig mal sagen, ist das Sextett in den fünf Jahren seit seiner Gründung ein gutes Stück vorangekommen.
Tatsächlich fällt einem so schnell auf Anhieb keine Band ein, die Grunge denkt, Folk spielt, Walzer dreht, Tango dreht, Ölfässer und Radkappen bearbeitet, Tom Waits liebt, auf dem Balkan tanzt, Anzug mit Gasmaske auf der Bühne trägt und zu allem Überfluss auch noch Norwegisch singt. "Wir sind ein gutes Beispiel dafür, dass musikalisch alles möglich ist, dass alles erlaubt ist", predigt der gelernte Musiklehrer Ottesen noch einmal die Grundannahmen der Postmoderne, "wenn man ein Bild malt, darf man doch auch alle Farben benutzen, die Maler vor dir benutzt haben. Wir mischen die Farben nur auf andere Weise."
Mit dieser Mischung wird problemlos das Publikum eines jeden mittelgroßen Clubs zwischen Nordkap und Mittelmeer in einen schwitzenden, zuckenden Haufen Leiber verwandelt. 150 Termine spielt das Kaizers Orchestra im Jahr, und vor allem seine Live-Qualitäten haben dazu geführt, dass es auch zur kommerziell erfolgreichsten norwegischen Band geworden ist. 150.000 verkaufte Tonträger allein in ihrem Heimatland - obwohl man nur in einem Radiosender und das auch nur selten gespielt wird - sind für Ottesen ein "spektakulärer" Erfolg. Diesen gedenkt man demnächst im restlichen Europa zu wiederholen. Warum das gelingen sollte? "Wir sind einzigartig", sagt Ottesen.
Wozu, wenn alles bereits so prima ist, dann aber diese Konzepthuberei, diese Intellektualisierung? Die Erklärung ist simpel: "Damit wir uns nicht langweilen", erläutert Geir "Hellraizer" Kaizer, der Gitarre spielt, eigentlich Zahl mit Nachnamen heißt, mit Ottesen zusammen die Songs schreibt und entrüstet den Gedanken zurückweist, die beiden Komponisten hätten womöglich persönliche Erfahrungen mit entsprechenden Institutionen in "Maestro" verarbeitet. "George Lucas fragt ja auch niemand", merkt Geir Zahl vollkommen zu Recht an, "warum er ,Star Wars' geschrieben hat, obwohl er niemals im Weltraum war." Auch das Kaizers Orchestra, so die offizielle Lesart, überhöht doch nur alltägliche Konflikte und überführt sie in ein fiktives Szenario. Das auch bitter nötig ist, denn, so Zahl, "die Musik ist so überbordend, so lebendig, dass das alltägliche Leben im Vergleich schal wirken würde".
Dieses Leben ist vor allem in Norwegen ausgesprochen schal. Oder, in den Worten des Gitarristen: "Sicher, fade und langweilig." Schon deshalb gebe es keine Veranlassung, wütende oder gar politische Songs zu schreiben. Ein jeder Versuch, ihre Konzeptalben in eine solche Richtung zu interpretieren, ist also vergebliche Müh. Nur auf eine Interpretation lässt man sich ein. Womöglich, ja, so könnte es sein, ist die Musik des Kaizers Orchestra ja so ausgelassen, so überdreht, weil das Land, aus dem sie stammt, so eintönig ist. "Wir leisten unseren Beitrag", grinst Geir Zahl, "dass Norwegen ein bisschen aufregender wird." Schlussendlich ging es ja auch dem guten alten Doktor Faustus nur um ein bisschen Spaß. Thomas Winkler